Religiöses Buch des Monats September


Karl Lehmann

Die Würde des Alters und die Vollendung des Lebens

8,95 €
inkl. MwSt.

ST. BENNO, 2017

ArtikelNr.: 90-318603
ISBN/EAN: 9783746249612

Im Antlitz des alten Menschen das Bild des Menschen neu entdecken - Nachdenkliches über das Alter.

Die zunehmende Alterung unserer Gesellschaft ist eines der großen Themen unserer Zeit: Immer mehr Menschen werden immer älter, der Anteil der Hochbetagten nimmt kontinuierlich zu. In dieser Situation ruft der frühere Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, inzwischen selbst 81 Jahre alt, Theologie und Kirchen dazu auf, diese Ausdehnung der Lebensphase des Alters bewusst aus einer religiösen Perspektive in den Blick zu nehmen. Dazu gehört nach Lehmann zunächst, das Menschsein als ein Ganzes zu betrachten, den konkreten Menschen in seiner natürlichen Abfolge verschiedener Lebensphasen zu sehen, von denen jede ihren eigenen Wert hat: die Kindheit darf nicht bloß als Vorbereitungszeit auf das Erwachsensein, das Alter nicht ausschließlich als ein Schwinden der Kräfte gedeutet werden, zu jeder Lebenszeit ist der Mensch ganz er selbst. Beim Blick in die Bibel sieht der Autor einerseits eine hohe Wertschätzung des Alters, gleichzeitig aber auch eine nüchterne Sicht der Wirklichkeit: Das Alter hat eine besondere Würde, diese kommt aber nicht von alleine mit dem Erreichen einer bestimmten Anzahl von Lebensjahren, welche natürlich auch das Nachlassen von Kräften und gewisse Einschränkungen mit sich bringen. Die Würde des Alters entspringt vielmehr einer bestimmten Haltung - die allerdings auch verfehlt werden kann. Es gibt auch alte Menschen, die sich als unbelehrbar erweisen, die voll Missgunst die Jugend beneiden und sich an materielle Dinge klammern. Trotzdem bietet gerade das Alter dem Menschen die Möglichkeit, das Leben in einem neuen Licht zu sehen, diese Möglichkeit muss aber auch ergriffen werden. Gerade durch seine Begrenzungen, durch das bevorstehende Ende legt das Alter dem Menschen die Einsicht nahe, das Leben nicht in den eigenen Händen zu halten, wie er vielleicht lange dachte. Diese Einsicht in ein Weniger an Möglichkeiten gibt aber auch ein Mehr an Freiheit und Offenheit: "Die Armut des Menschen vor Gott, das Wissen um die menschliche Bedürftigkeit und um die Notwendigkeit, das Entscheidende von Gott her zu erhalten, machen den alten Menschen erst reich." Dieser Schritt, das eigene Älterwerden mit all seinen Begleiterscheinungen anzunehmen, fällt gerade dem modernen Menschen schwer, aber er bringt ihm durchaus auch Gewinn: "Aus dem Gefühl der Vergänglichkeit kann etwas in sich selbst Positives kommen: das immer deutlicher werdende Bewusstsein von dem, was nicht vergeht, was bleibt und dauert." Die Freiheit, Besitz, Macht und Einfluss als vergänglich loslassen zu können, hängt freilich - wie Kardinal Lehmann im zweiten Teil deutlich macht - in hohem Maße davon ab, ob man dieses irdische Leben als das einzige ansieht oder ob man voll Vertrauen auf Gott an ein ewiges Leben glaubt, das uns nach dem Tod jene Erfüllung verheißt, die wir im irdischen Leben niemals finden werden. Das neue Büchlein von Kardinal Lehmann ist zwar klein, doch keineswegs mühsam zu lesen, denn die Schrift ist sogar eher groß und augenfreundlich gehalten, der Umfang dadurch auch überschaubar, es ist also für ältere Leser/innen bestens geeignet - das sollte aber niemanden zu dem Missverständnis verleiten, es wäre nun ausschließlich ein Buch für die ältere Generation. Denn bedeutsam sind die darin angesprochenen Fragen keineswegs nur für Bejahrte, sondern für jeden Menschen, und das nicht nur, weil auch die heute Jungen (hoffentlich) einmal alt werden, vielmehr weil diese Fragen in jeder Lebensphase wichtig sind und unsere Einstellung zum Leben überhaupt berühren - und natürlich auch das Verhältnis der Generationen untereinander: "Im Antlitz des alten Menschen können wir wieder neu das Gesicht und das Bild des Menschen überhaupt entdecken. Wir hätten viel gelernt für den Umgang mit Leben und für unsere Sorge um die alten Menschen, wenn wir neu wahrnähmen, wie sehr sich uns gerade im alten Menschen das Geheimnis jedes Lebens offenbart." Man kann darum gar nicht umhin, sich dem im Vorwort geäußerten Wunsch des Autors, sein Buch möge "Nachdenklichkeit fördern und Segen stiften", aus vollem Herze anzuschließen.

(Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der St. Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.)

Geschrieben von:  © Borromäusverein